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Dresden
Freitag, 9. Oktober 2009 16:46
Orosz: "Hat der Kulti ein Zukunft?"

Orosz: "Hat der Kulti ein Zukunft?"

Lesen Sie hier das Grußwort der Dresdner Oberbürgermeisterin Helma Orosz zur Geburtstagsgala 40 Jahre Dresdner Kulturpalast.

Grußwort der Oberbürgermeisterin Helma Orosz zur Geburtstagsgala 40 Jahre Dresdner Kulturpalast

Einen wunderschönen guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren! Versetzen wir uns gemeinsam zurück in das Jahr 1969! Am 30. Januar gaben die Beatles in London ihr letztes Konzert. Am 2. März startete in Toulouse die Concorde zu ihrem Jungfernflug. Am 20. Mai formierten sich fünf Dresdner Musikstudenten zu der Band „Electra“. Am 20. Juli betrat zum ersten Mal ein Mensch den Mond. Mitte August feierte die Hippiebewegung ihr großes Woodstock-Happening. Und am 7. Oktober wurde - nur vier Tage nach dem Berliner Fernsehturm - hier in Dresden der neugebaute Kulturpalast eröffnet. Vorgestern ist er 40 geworden - und wir sind hier, um das zu feiern.

Unser „Kulti“ hat viel erlebt in den letzten 40 Jahren. Neben den Ruinen von Schloss und Frauenkirche erbaut, ein Symbol der Wiederauferstehung Dresdens nach der Zerstörung, war er 20 Jahre lang ein Vorzeigebau sozialistischer Kultur - bis der Herbst 89 eine Zäsur setzte. Die Erinnerung an die Friedliche Revolution vor genau 20 Jahren ist uns ja in diesen Tagen wieder sehr lebendig. Ganz gleich, unter welchem politischen System - der „Kulti“ war und ist das kulturelle Herz der Stadt. Es gibt wohl keine Dresdnerin und keinen Dresdner, der nicht ganz persönliche Erinnerungen mit ihm verbindet. Unzählige sind mit Brückenmännchen und Schulkonzerten groß geworden, haben hier Publikumslieblinge und Stars aus aller Welt bejubelt, sich für Veranstaltungsreihen wie „Rosen für unsere Frauen“ oder „Palast-Varieté“ begeistert, haben hier gelacht, gerockt und geswingt. Für viele Dresdner Kulturinstitutionen war und ist der Kultur-palast eine wichtige Bühne - für das Dixieland-Festival wie für die Musikfestspiele, die Tage der zeitgenössischen Musik oder die Palucca Schule.

Die Philharmonie hat hier ihr Zuhause, bis nach der Wende hat auch die Staatskapelle hier jedes Jahr bis zu 30 Konzerte gegeben, und es gab Gastspiele der Mailänder Scala und des Moskauer Bolschoi-Balletts, der Berliner Philharmoniker unter Karajan, des Gewandhausorchesters unter Kurt Masur, der Wiener Philharmoniker und vieler anderer. Als ein Podium für Parteitage, Hauptversammlungen und Kongresse führt er zudem Fachleute aus aller Welt hier in Dresden zusammen. Über 30 Millionen Menschen waren in 40 Jahren hier zu Gast. Die Gründungsidee des Dresdner Kulturpalastes - ein Kulturzentrum für alle im Herzen der Stadt - wurde hier vier Jahrzehnte lang wirklich gelebt.

Damit wurde und ist der „Kulti“ für Dresden und die Dresdner ein ganz besonderes Stück Identität. Und deshalb liegt sein Wohl und Wehe ihnen auch besonders am Herzen. Schon als es in den sechziger Jahren darum ging, wie der Kulturpalast einmal aussehen soll, haben die Dresdnerinnen und Dresdner diskutiert und massiv gegen die Pläne Walter Ulbrichts protestiert, hier an dieser Stelle ein stalinistisches Kulturhochhaus zu errichten. Der Entwurf von Leopold Wiel, der schließlich von einem Team um den Dresdner Architekten Wolfgang Hänsch umgesetzt wurde, steht für eine weltoffene, sich in die städtebauliche Gesamtanlage harmonisch einfügende, originäre Architektur, die in der Baugeschichte der DDR ihresgleichen sucht. Nicht umsonst wurde der Dresdner Kulturpalast im vergangenen Jahr unter Denkmalschutz gestellt. Damit sind auch alle Diskussionen um einen möglichen Abriss oder eine völlige Umgestaltung des Gebäudes ein für allemal vom Tisch.

Nun warten Sie sicherlich gespannt: Was wird die Oberbürgermeisterin zum geplanten und heiß diskutierten Umbau des Kulturpalastes sagen? Meine Damen und Herren, ich glaube jeder hier Saal hat seine eigene Meinung zu diesem Thema und so mancher hat diese ja auch verkündet. Und wie so oft in Dresden werden auch - zumindest verbal - gleich die „schärfsten Geschütze“ aufgefahren. Ich will und werde mich an dieser Schärfe der Diskussion nicht beteiligen. Aber man muss einige Fragen stellen und diese auch ehrlich und offen beantworten. Die grundlegendste Frage ist sicherlich: Hat der Kulti eine Zukunft? Ja, er hat. Dies setzt allerdings voraus, dass wir diskutieren und abwägen, aber uns in angemessener Zeit auf ein realistisches Ergebnis einigen. Der Kulturpalast muss jetzt saniert und umgebaut werden, der bauliche Zustand lässt keine weiteren zehn oder zwanzig Jahre schleichenden Verfall zu. Warum belässt die Stadt nicht alles beim alten und saniert im Bestand? Auch diese Frage ist berechtigt. Wir haben aber ganz bewusst nach zukunftsfähigen Entwicklungsmöglichkeiten gesucht. Dresden hat sich verändert, hat sich weiterentwickelt. Mit der Integration der Bibliotheken und der Herkuleskeule wird der Kulti mit dieser Entwicklung Schritt halten.

Der Name „Kulturpalast“ wird so mit neuem Leben erfüllt: Ein Palast der Kultur, einer Kultur für jung und alt, für Einheimische und Touristen. Einer Kultur die nicht erst abends um 19 Uhr beginnt, sondern die diese Hallen von morgens bis abends erfüllen wird. Aber wäre es nicht sinnvoller für die Philharmonie ein eigenes Konzerthaus zu bauen? Diese Frage berührt eine der wesentlichsten Fragen kommunaler Politik: „Was können und wollen wir uns leisten?“ Wir dürfen eines nicht vergessen: Die Finanz- und Wirtschaftskrise geht auch an der schuldenfreien Stadt Dresden nicht vorbei. Auch deshalb bin ich in meiner Funktion als Oberbürgermeisterin grundsätzlich verpflichtet, auch bei Investitionen dieser Größenordnung die Interessen aller Dresdnerinnen und Dresdner zu berücksichtigen. Deshalb bleibe ich dabei: Unsere Priorität muss heißen: Investitionen in Bildung, Investitionen in Schulen und Kitas. Gleichwohl investieren wir umfangreich in die Kultur. Wir werden die Operette und das TJG ins Zentrum holen. Wir haben schon jetzt Hellerau wieder zu einem Ort der Kultur gemacht.

Und genauso stehen wir zum Kulturpalast: Wir werden investieren. Ein neues Konzerthaus ist eine fantastische Vision, es ist aber eine Vision an der sich weder die Stadt noch das Land finanziell beteiligen können.Und die letzte Frage: Was wird dann aus der Unterhaltungsmusik im Kulti? Die heitere Muse wird auch weiterhin im Kulti vertreten sein. Wir müssen für größere Konzerte Alternativen anbieten. Semperoper, Kulturpalast, Kongresszentrum, Eishalle, Messe, Schlachthof, Elbufer, Junge Garde und und und – Dresden ist im Wettbewerb der deutschen Städte und im europäischen Vergleich gut aufgestellt und sollte dies auch nicht kleinreden. Und ich bin ganz sicher: So kontrovers die Dresdnerinnen und Dresdner heute die Umbaupläne diskutieren, so stolz werden sie dereinst auf den fertigen Bau sein und ihn mit Leben erfüllen. Bevor ich schließe, möchte ich all denen danken, die in den letzten Jahren in und um den Kulturpalast gewirkt haben und somit einen hervorragenden Beitrag geleistet haben, damit den Dresdnern und ihren Gästen Freude und Unterhaltung auf hohem Niveau geboten werden konnte. Ich denke, es gibt kein schöneres Geburtstagsgeschenk, als dem Kulturpalast in diesem Sinne eine Zukunft geben. Also: Happy birthday, Kulturpalast!


Quelle: Stadt Dresden

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